Aus BioLektors Notizenbuch

Allerley Wundersames aus Biologie und Sprache

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Das Eszett kommt groß raus

Es gilt als Sonderling der deutschen Sprache, ist in Kreuzworträtseln unerwünscht, von den Schweizern verschmäht, ein Verlierer der Rechtschreibreform und auf Tastaturen steht es, sofern überhaupt vorhanden, abseits von allen anderen Buchstaben. Unser Eszett hat es wahrlich nicht leicht. Doch nun kommt der kleine Buchstabe ganz groß raus!

Lesen bildet, auch im Urlaub. Aus der Ostsee-Zeitung erfuhr ich am Donnerstag letzter Woche von einer „Revolution im deutschen Alphabet“. Denn nun kommt das große Eszett. Steht dem seltsamsten Buchstaben der deutschen Sprache ein Karriereschub bevor?

Das Eszett wirkt ein wenig wie das Stiefkind des deutschen Alphabets. Nicht nur, dass es als Versalie bisher schlichtweg fehlte, von den Schweizern wurde das „scharfe s“ komplett verschmäht (und im letzten Jahr offiziell ganz abgeschafft) und durch die Rechtschreibreform (z.B. “dass” statt “daß”) wurde der eigenwillige Buchstabe auch hierzulande seltener.

Ich erinnere mich, wie mich als Schüler bei Kreuzworträtseln der Hinweis (ß=ss) irritierte. Eszett ist gleich Doppel-S? Das erschien mir weder korrekt noch fair. Nur, weil es weniger Worte mit Eszett gibt und es sich die Ersteller der Rätsel leichter machen wollten, durfte der Buchstabe im Kreuzworträtsel offenbar nicht mitspielen.

Das Eszett auf der Standardtastatur mit deutschen TastaturlayoutIn Texten, die im Ausland geschrieben wurden, wird das Eszett oft als B entstellt wiedergegeben, auf Briefumschlägen aus Übersee etwa liest man regelmäßig „Strabe“ statt Straße. Kein Wunder, sucht man den Buchstaben auf nicht-deutschen Tastaturen vergeblich. Doch selbst auf deutscher Standardtastatur darf das Eszett nicht in den Reihen der anderen Buchstaben stehen, sondern muss sich zwischen die Null (0) und den Akut (´) quetschen. Irgendwie symptomatisch, dass, wenn man per Shift-Taste ein großes Eszett zu tippen versucht, man ein Fragezeichen erhält.

Doch kommt nun das Comeback des Außenseiters als Majuskel? Seit dem 23. Juni gibt es ein offizielles großes Eszett: Durch eine Ergänzung der Norm ISO/IEC 10646 wurde das ß erstmals als Großbuchstabe in den internationalen Zeichensatz aufgenommen. Einige Wochen zuvor war das Versal-Eszett bereits als Zeichen 1E9E in die Unicode-Version 5.1 verankert worden.

Auf die Rechtschreibung hat das neue Zeichen vorerst keine Auswirkungen. Für ein ß in Großschreibweise ist weiterhin SS zu tippen. Zwar sind bereits entsprechende Tastaturtreiber für Deutsch mit Versal-Eszett für Windows und MAC zu haben, aber auf breiter Basis durchsetzen dürfte sich ein großes Eszett erst bei einer Änderung der QWERTZ-Tastenbelegung, was eher unwahrscheinlich erscheint.

Man könnte fragen, wozu der neue Großbuchstabe gut sein soll. Es existieren ja nicht mal Worte, die mit einem Eszett beginnen. Kommt womöglich demnächst ein großes Leerzeichen oder ein großes @, damit Schriftentwicklern nicht langweilig wird?

Ich halte jedoch eine neue Glyphe für ein großes Eszett für nützlich? Denn alle derzeitigen Lösungen, ein Eszett in einem Text, für den – aus welchen Gründen auch immer (Überschrift, Buchtitel, Grabinschrift etc.) – Majuskeln oder Kapitälchen vorgesehen sind, korrekt zu setzen, sind eher unbefriedigend. Ein großes Doppel-S (was der Duden empfiehlt) ist nur eine Notlösung, ebenso wie ein SZ. Und ein kleines ß zu setzen, wie man das manchmal sieht, wirkt nicht nur typografisch unschön, sondern wird je nach Schriftart leicht mit einem großen B verwechselt.

Daher sehe ich dem neuen Zeichen wohlwollend entgegen, der eigenwillige Außenseiter hat größere Beachtung verdient. Und auch wenn solche nationalen Eigenwilligkeiten von Sprachen dem Texter oder Übersetzer manchmal das Leben schwer machen, sehe ich das Eszett als sympathisches Detail unserer Sprachkultur.

verfasst am Montag, dem 30. Juni 2008 um 16:07 Uhr, abgelegt unter Redaktion & Lektorat, Sprache
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2 Reaktionen zu “Das Eszett kommt groß raus”:

  1.         Gudrun schrieb am 26. Juni 2009 um 13:17 Uhr:

    Das ist ja sehr interessant.Ich finde das ß soll für immer sterben, einfach nur ss und alles wird leichter sein.Danke.


  2.         Ronald schrieb am 21. September 2010 um 01:13 Uhr:

    Ich finde es genauso unnütz und befremdlich wie etwa die Binnenversalie, z. B. bei „BioLektor“!


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