Aus BioLektors Notizenbuch

Allerley Wundersames aus Biologie und Sprache

Denken macht Spaß und lohnt sich

Ehrlich gesagt, ich war von dem Buch zunächst enttäuscht. Beim Bestseller des sogenannten „lustigsten Physikers Deutschlands“ hatte ich erhofft, auf humorvolle Art endlich mal solche Dinge wie Quantenverschränkung oder die Gibbs-Helmholtz-Gleichung zu verstehen. Mindestens! Doch „Denken Sie selbst!“ ist kein Physikbuch, es ist nicht mal ein populärwissenschaftliches Sachbuch. Das Buch liest sich eher wie eine Sammlung von Mitschrieben (oder Manuskripten) von Kurzauftritten des Wissenschaftskabarettisten. Wer bei Vince Ebert also live oder am TV Spaß hatte (hier gibt es Links zu Videos), der wird auch dieses Buch mögen.

vince-ebert-denken-sie-selbst

Trotz meiner „Ent-Täuschung“ empfehle ich das Buch nachdrücklich. Es ist äußerst unterhaltsam, leicht zu lesen und der auf beinahe jeder Seite lauernde Hintersinn wirkt unmerklich, nie belehrend. Laut Vince Ebert selbst hat er „versucht, viele Dinge unter einem anderen Blickwinkel zu betrachten“ und genau dies ist ihm gelungen. In den kurzen Kapiteln entwickelt der Autor aus Alltagsgeschichten jeweils ein bestimmtes Thema und beleuchtet es von Seiten, von denen normalerweise keiner hinschaut. Ein Beispiel: „Bis heute wurden über 20.000 Studien über die Gefahren von Handystrahlen in Auftrag gegeben, aber noch keine einzige, die sich damit beschäftigt, wie viele Menschen durch Handys gerettet worden sind.

Insgesamt kommt so ein buntes Allerlei von Denkanstößen, Denkfehlern und Denkfallen zusammen. Und wie gesagt, um Physikalisches geht es eher wenig, statt dessen um Hirnforschung, Mediennutzung, Sex, Außerirdische, Verliebte, Autofahrer, Religion, Werbestrategien, Servicementalität, Esoteriker und anderes mehr. Doch ob Lotto-Statistik oder die evolutionsbiologische Entstehung von Moral, dem Autor gelingt es, naturwissenschaftliche Fragen zu streifen, ohne seinen komisch-flapsigen Grundtenor zu verlassen. Manchmal gerät der Witz etwas flach, einige Gags hat man schon gehört, doch insgesamt dürfte „breites Grinsen“ der häufigste Gesichtsausdruck beim Lesen sein. Über die Illustrationen im Buch sowie die Denkübungen jeweils am Kapitelende (im Stil der Psychotests aus Frauenzeitschriften) wird nicht jeder in schallendes Gelächter ausbrechen, ich finde sie größtenteils recht drollig, einige sind wunderbar schräg.

Fazit: Als Bildungslückenfüller taugen die wortwitzigen Häppchen kaum, für die Quantenfeldtheorie wird man nach wie vor zum Physiklehrbuch greifen müssen ;) . Doch die unbeschwerte Art, sich von Alltagsphänomenen den Wissenschaften und „großen Fragen“ zu nähern, ist herrlich erfrischend. Ein wenig mehr solcher Appetizer würde hierzulande mancher Vorlesung und manchem Lehrbuch gut tun. Wieso gibt es eigentlich noch keinen Bundesdidaktikbeauftragten? Herr Ebert, übernehmen Sie das?

DENKEN SIE SELBST!
SONST TUN ES ANDERE FÜR SIE
224 Seiten, EUR 9,95 (D)
ISBN 978 3 499 62386 8
Rowohlt Taschenbuch Verlag
Mit einem Vorwort von Eckart von Hirschhausen

verfasst am Freitag, dem 14. August 2009 um 08:20 Uhr, abgelegt unter Science & Fun, Sprache
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